Unter der Überschrift Story und Auftrag entfaltet Wright sein Verständnis vom Einfluss der Bibel auf unser Leben und damit sein Verständnis von Nachfolge und bietet damit m.E. eine extrem hilfreiche Sicht auf das Wort Gottes und seine Übertragung in unser Leben an.
Die Autorität der Bibel liegt nicht in Verhaltensregeln und Anweisungen, die der Glaubende stur zu befolgen hat. Die Autorität liegt vielmehr in der großen Story Gottes mit der Welt, in der wir unsere Rolle spielen sollen. Es ist die Autorität eines Tanzes, zu dem wir aufgefordert sind, die Autorität einer Liebesgeschichte, in der wir gemeint sind. „Die „Autorität“ des Alten Testaments ist genau dieselbe „Autorität“, die eine bereits geschehene Szene in einem Roman besitzt – während wir nun in einer späteren Szene leben. Es ist von Bedeutung, dass die frühere Szene genau das war, was sie war – aber sie hat ihren Dienst getan und uns zur nächsten Szene geführt, in der sich die Dinge deutlich verändert haben.“ Damit sind wir angehalten, die früheren Szenen der Story zu verstehen und in Fortführung des Erzählstranges zu leben, doch selten geschieht dies in simpler Wiederholung dessen, was bereits geschah. Statt dessen ist unser Auftrag, in die Story einzutauchen und Teil des Veränderungsprozesses zu werden, den Gott in dieser Welt durchführt. Mit anderen Worten: wir sollen den letzten Akt eines Stückes spielen, von dem wir die bisherigen kennen und durch sie den Autor des Werkes kennen.
Wright betont deshalb den Wert des Lesens der Schrift, um Gottes Reden in ihr zu vernehmen und heute in seinem Auftrag leben zu können. In einem längeren Abschnitt über die Interpretation der Bibel stellt Wright die alte Polarisierung zwischen „metaphorischer“ und „wörtlicher“ Auslegung der Schrift als Unsinn heraus. Denn beides ist in der Bibel zu finden: Worte, die exakt so gemeint sind, wie sie dort stehen, sowie Worte, die bildlich gemeint und verstanden werden müssen. Es ist Aufgabe sorgfältiger Auslegung, eines vom anderen zu unterscheiden und beides auf unsere Realität zu übertragen.
Das vorletzte Kapitel seines Buches widmet der Autor der Kirche, die er mit zwei Bildern umschreibt. Zum einem ein Baum, der sich von einem Stamm (Christus) in viele unterschiedliche Denominationen verzweigt, zum anderen ein Fluss, bei dem sich das Wasser aus verschiedenen Richtungen zu einem Strom (Volk Gottes) vereint. Die Kirche ist eine „multiethnische Familie“, eine unterstützende Gemeinschaft mit der „Mission“, der Welt die Herrschaft Christi zu verkündigen. Die Kirche hat einen dreifachen Sinn: 1. Gott anzubeten, 2. in der Welt für sein Reich zu arbeiten, 3. einander in einer starken Gemeinschaft zu unterstützen. Diese drei Aufträge hängen voneinander ab, keiner kann für sich allein verwirklicht werden.
In einem Abschnitt widmet sich Wright der „Bekehrung“, ohne dieses Wort dafür zu gebrauchen. Ein hilfreicher Vergleich für das Zum-Glauben-Kommen ist das Bild vom Aufwachen. Menschen wachen unterschiedlich auf. Die einen plötzlich und schnell, sobald der Wecker klingelt, die anderen nach und nach – sie schweben vor dem Aufstehen lange in einem Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachsein. Worauf es aber ankommt ist, DASS ein Mensch erwacht, ob es nun plötzlich oder prozesshaft geschieht. Dieses Aufwachen ist ein Auferstehen zum Leben, zum „vollständigen, echten, herrlichen Menschsein“.
Für die neue Welt wach zu werden bedeutet zum einen, der Botschaft von Jesus zu glauben, wobei Glauben hier nicht zuerst ein Für-Wahr-Halten ist, sondern vielmehr ein Vertrauen in eine Story, die Sinn macht und Sinn gibt. Es ist ein Wiedererkennen der Stimme, die uns in unseren Sehnsüchte schon lange ruft. Wer diesem Ruf folgt, bemerkt schon bald die Diskrepanz des eigenen Lebens zu dem, was Gott Gerechtigkeit, Schönheit, Spiritualität und Beziehung nennt und darum hört ein Mensch diesen Ruf Gottes immer auch als Einladung zur Vergebung. Gleichzeitig wird der Ruf zu einem Ruf zum Gehorsam, denn das neue Leben soll und kann gelebt werden. „Wenn du an diesen Punkt gelangst, wirst du das Abzeichen tragen (…), dass dich als Teil der Kirche bezeichnet. Du bist dann auf einer Ebene mit allen anderen Christen, die jemals gelebt haben. Du entdeckst, was es heißt, in Gottes neuer Welt aufzuwachen. Mehr noch: Du bist ein klarer Beweis, dass ein neue Leben begonnen hat. Irgendwo in der Tiefe deines Wesens ist etwas in dein Leben getreten, das vorher nicht da war. Aus diesem Grunde griffen die ersten Christen zur Sprache von der Geburt.„
Am Ende des Kapitel beschriebt Wright die Taufe als Beginn des neuen Lebens. Leider schweigt er sich über die Frage aus, ob die Taufe von Säuglingen dem Wesen des Glaubensbeginns entspricht.
Letzes Kapitel: Die neue Schöpfung. Wright betont, dass es beim christlichen Glauben nicht darum geht, in den Himmel zu kommen, sondern darum, dass der Himmel auf die Erde kommt. Und dies wird am Ende der Zeit geschehen. Unser Ziel ist kein körperloser Zustand freischwebender Seelen im Jenseits, sondern die Auferstehung in einer neuen realen Welt, einer neuen Schöpfung, in der Christus regiert und Himmel und Erde verschmolzen sind.
Bis dahin lebt die Kirche in der Erwartung dieser Zukunft Gottes. Und wieder einmal bemüht Wright die drei grundsätzlich verschiedenen Vorstellung von Gott und seiner Beziehung zu Welt, um zu zeigen, dass unsere Vorstellung vom „Himmel“ sehr stark unser Leben im Hier und Jetzt prägt. Der Pantheist, der Himmel und Welt „ineinander“ denkt, wird versuchen, im Einlang mit der Natur und der geschöpflichen Ordnung zu leben. „Die ist jedoch nicht der Weg zu einer vollständigen christlichen Moral und Ethik.“ Der Deist, der Himmel und Welt als strikt voneinander getrennt denkt, versteht Moral als die Einhaltung der Regeln einer fernen Gottheit und sieht in der Sünde die Brechung dieser Regeln. Im christlichen Weltbild hingegen überlappen sich Himmel und Welt – vor allem und endgültig in Christus. In ihm verzahnen sich Himmel und Welt, ja, in Christus ist Gottes Zukunft bereits in der Gegenwart angekommen, und zwar real und erfahrbar im Wirken des Heiligen Geistes. So lebt der Christ ein vom Geist Gottes gestaltetes Menschsein. Er lebt schon jetzt das, was eines Tages vollständig Wirklichkeit wird, wenn Gottes neue Welt kommt. „Es geht darum, in der Gegenwart die Melodien einzuüben, die wir in Gottes neuer Welt singen werden.“
Auf dieser Pilgerreise wird ein Christ Entsagungen und Entdeckungen erleben. Entsagungen, weil diese Welt an vielen Stellen nicht im Einklang mit Gottes Willen steht und ein Christ dazu nur „Nein“ sagen kann. Entdeckungen, weil die neue Schöpfung das „Gute“ der gegenwärtigen Welt bestätigen und das vom „Bösen“ korrumpierte erlösen wird. Als neuer Mensch zu leben bedeutet, die erneuerte Schöpfung vorwegzunehmen mitten in einer Welt, die sich immer noch nach Erlösung sehnt.
Zwischen Gutem und Bösem zu unterscheiden ist keine leichte Aufgabe. „Dazu braucht man Nerven aus Stahl und sorgfältiges Suchen nach Weisheit“, die in Leben und Lehre Jesu, in der Leitung des Geistes, der Gemeinschaft der Christen und anderen Quellen zu finden ist. Die Kunst, Christ zu sein, hat mit aufmerksamem Hören und weisem Abwägen zu tun, doch hier spielen nun auch die „Regel“ eine Rolle, die ja auch im Neuen Testament durchaus zu finden sind.
Zum Schluss wendet sich Wright nochmals den vier Sehnsüchten zu, die sich wie ein roter Faden durch das Buch zogen und zeigt auf, dass der Glauben einen völlig neuen Weg beschreiten, um Gerechtigkeit, Beziehung und Schönheit zu verwirklichen. Der Weg zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit kann nur eine gewaltloser Weg sein, in dessen Mittelpunkt Vergebung und Versöhnung steht. Die Kirche muss aufstehen und für Gerechtigkeit kämpfen – es gibt konkrete Wege, die sie gehen kann.
Die Kirche ist außerdem aufgerufen, ein neues Modell von Beziehung vorzuleben und Standarts zu setzen, wie Beziehungen gelingen können. Der Weg zur Liebe führt über Freundlichkeit und einen anderen Umgang mit unserem Ärger. Denn in einer Welt wie dieser wird man täglich ärgerlich – darum muss die Vergebung „jeden Tag auf der Speisekarte stehen.“ In diesem Zusammenhang nennt Wright auch die Sexualtität und spricht sich klar für die biblische Beschränkung ausgelebter Sexualität auf die Ehe aus.
Zum Ende des Buches fordert Wright die Kirche auf, „ihren Hunger nach Schönheit auf allen Ebenen“ wiederzubeleben. Er bezeichnet Kunst als die „Autobahn ins Zentrum einer Wirklichkeit, die auf keinem anderen Weg erahnt, geschweige denn begriffen werden kann.“ Denn Kunst ist eine Vorahnung vom Himmel.
So entseht eine erlösende Spiritualität im Licht der anbrechenende neuen Welt Gottes. „Es ist Zeit, dass wir in der Kraft des Geistes unsere eigentliche Rolle übernehmen, unsere vollständige menschliche Rolle. Wir sind Agenten, Herolde und Treuhänder des neuen Tages, der anbricht. Das, in aller Schlichtheit, bedeutet es, Christ zu sein, Jesus in die neue Welt zu folgen, in Gottes neue Welt, die er uns eröffnet hat.“